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Autor:
Ulrich Küster

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| Route: |
Wanderung bei Menaacha -> Sanaa
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| Highlights: |
Wanderung um Menaacha |
| Unterkunft: |
Saschas Wohnung in Sanaa / der Flieger nach Kairo |
Heute sind wir alle früh um 5:40 aufgestanden.
Wir hatten vereinbart um sechs Uhr zu frühstücken und um sieben Uhr loszuwandern. Bei geplanten sechs Stunden
Wanderung würde uns das den Großteil der Mittagssonne und -hitze ersparen.
Das Frühstück war dann leider erst eine halbe Stunde verspätet fertig, wir sind aber trotzdem um viertel nach
sieben losgekommen. Khalid hat uns und den Führer mit dem Auto nach Hotäb gefahren und würde uns gegen Mittag
wieder in Hadschara abholen. Hotäb ist ein bedeutendes ismaelitisches Pilgerziel dessen grell blau angemaltes
Heiligtum schon von weitem zu sehen war. Hoch über dem Ort thront eine kleine Moschee
geradezu unmöglich auf einem weitgehend unzugänglichen Felsen. Wir haben den Ort aber nicht weiter besichtigt
sondern sind auf einen kleinen Fußweg eingebogen und unserem Führer hinterher höher in die Berge marschiert.
So bliebe Hotäb nach und nach unter uns zurück. Das Tal hinter und unter Hotäb war wie eine riesige
Badewanne mit Wolken gefüllt und nur die höheren Berge ragten aus dem Wolkenmeer hinaus. Davor das Panorama
von Hotäb mit seinem markanten Moscheefelsen. Eine klasse Aussicht!
Unser Führer legte ein ziemlich zackiges Tempo, so dass wir ihn nach einiger Zeit bitten mussten, etwas
langsamer zu gehen. Gemütlich zum Spaß wandern ist für die Jemeniten vermutlich ohnehin ein unverständliches
Konzept. Entweder gemütlich (= im Mafratsch liegen und Qat kauen) oder gehen (= zügig von A nach B kommen). ;-)
Der Weg führte über felsige Wiesen immer höher hinauf bis wir über einen kleinen Pass kamen und auf der anderen
Seite der Bergkette wieder zum nächsten Dorf abstiegen. Der Anblick der bis in die höchsten Höhen um die Dörfer herum
terassierten Berge ist einfach phantastisch. Das nächste Dorf lag - wieder einmal - hart an die Kante eines Steilabfalls
gebaut und bot daher einen guten Überblick über die nächste Route. Der Führer deutete auf all die Dörfer, die wir
unter uns liegen sahen, zählte die Namen auf und meinte, da würden wir jetzt als nächstes langlaufen.
Von oben betrachtet ein recht strammes Programm. Den Weg vom Dorf den Steilabfall hinunter hätten wir niemals allein
gefunden. Unser Führer bedeutete uns nur, wir sollten vorsichtig und langsam laufen und dann ging es stramm im Zickzack
über Stock und Stein die Felsen hinunter.
Danach kamen wir aber in das flachere Gelände, dass man auf dem Foto oben rechts sieht.
Hier folgten wir dann lange einer recht gut ausgebauten und für Autos zugänglichen Piste.
So ging es gemütlicher, aber
auch nicht ganz so abwechslungsreich durch die Terassenfelder von Dorf zu Dorf.
Unterwegs konnten wir ein bisschen vom Leben in der Gegend beobachten, z.B. wie Männer in mühsamer Arbeit
Dung auf die Felder brachten. Der wurde in kleine Säcken abgefüllt, von denen dann ein oder zwei
einem Esel auf den Rücken gebunden wurden, der die Säcke dann über die Terassenfelder zum Zielort trug.
Ohne Esel schien hier in der Gegend wirklich gar nichts zu gehen. Ein paar mal wurden wir auch von
Leuten, die auf einem Esel ritten auf den Feldwegen überholt. Hier in der Gegend gedeiht auch Kaffee und anders
als um Sanaa sind hier noch nicht alle Kaffeefelder durch Qatfelder verdrängt worden (Kaffee und Qat haben in
etwa die gleichen Ansprüche an Klima und Boden). Unser Führer wies mich mal auf ein Kaffeefeld hin, das ich ohne
ihn gar nicht bemerkt hätte. Das Feld war weitgehend abgeerntet, aber unser Führer fand noch eine
kleine gelb-rote Kaffeefrucht, die
er mir gab und bedeutete sie zu essen. Um den kleinen (ungeröstet und vermutlich auch unreif wie er war
weitgehend geschmacklosen) Kaffeekern herum, ist ein
dünnes festes Fruchtfleisch, das erstaunlich süß schmeckt. Ich hatte noch nie vorher in meinem Leben ein
Kaffeefeld gesehen.
Mit der Zeit verloren wir etwas an Höhe und die Wolken kamen wohl auch etwas höher, so dass es stellenweise
etwas dunstig wurde. Das war insofern ganz angenehm, als es die brennende Sonne etwas milderte.
Es veranschaulichte auch schön, warum die Berge hier so dicht besiedelt sind: Die
relativ feuchte Luft vom Roten Meer steigt
auf und kondensiert hier in den Bergen zu Wolken. So ist es hier wesentlich feuchter als sonst im Jemen.
Inzwischen waren wir wieder in steileres Gelände gekommen. Unter uns konnten
wir überall kleine Dörfer sehen, die auf die äußerste Spitze von irgendwelchen Felsspitzen angeklebt zu sein
schienen. Viele davon schienen aber teils verfallen und verlassen und auch nicht alle der Terassenfelder, an
denen wir vorbeikamen wurden noch bewirtschaftet. Das ist ein großes Problem in der Gegend, denn wenn die Terassenmauern
nicht instand gehalten werden und zusammenbrechen, schwemmt der nächste Gewitterguß die Erde hinter den Mauern
sofort weg. Da ein Loch in einer gebrochenen Mauer die Niederschläge auf der Terasse bündelt, werden fast automatisch
auch die darunter liegenden Terassen zerstört. Wir konnten ein paarmal Beispiele solcher Kettenreaktionen sehen.
Setzt man die Mauern dann wieder instand, dauert es angeblich viele Jahrzehnte, bis sich dahinter wieder
genügend Erde angesammelt hat, um Ackerbau zu ermöglichen.
In einem der kleinen Dörfer haben wir mal etwas Pause gemacht. Das Dorf hatte sogar einen Laden und Sascha hat eine
Runde Bananen geschmissen. Wir saßen auf einer kleinen Mauer neben einer Art Dorfplatz. Darauf trieb ein Mann einen
Esel, der an einem Geschirr einen großen Stein hinter sich herschleppte immer wieder im Kreis durch einen Haufen Stroh.
Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich begriffen hatte, dass das vermutlich die jemenitische Art ist, Getreide zu dreschen.
Langsam näherten wir uns Hadschara und hinter dem Dorf, in dem wir pausiert hatten wurde das Gelände wieder flacher und
auch fruchtbarer oder zumindest feuchter. Wir kamen sogar an einigen Tümpeln mit offenem Wasser vorbei! In einem davon
konnten wir ein Krötenpärchen bei der Paarung beobachten. Unter und hinter den beiden sah man die langen Laichschnüre
im Wasser (siehe Fotoalbum). Hatte ich so auch noch nicht gesehen.
Die letzten Kilometer nach Hadschara waren dann nicht mehr so spannend wie der Rest der Wanderung. Es ging relativ
eben durch durch gut instand gehaltene Fußwege durch die Felder auf Hadschara zu. Durch das flachere Gelände und den
inzwischen höher gestiegenen Dunst fehlten die tollen Ausblicke von heute morgen. Dafür sahen wir aber noch einige
kleine Tiere, bunte Vögel, die aber immer verschwunden sind, bevor wir sie auf dem Foto hatten, und ziemlich viele
Exemplare dieser bunten Eidechsenart, die wir nun schon häufiger gesehen hatten. Eins dieser Exemplare tat Sascha und
mir sogar den Gefallen, ruhig sitzen zu bleiben bis es fast in unsere Teleobjektive hätte reinspringen können.
Um 12:15 - also nach fünf Stunden - hatten wir dann Hadschara erreicht. Damit waren wir eine Stunde schneller gewesen
als geplant. Aus der Rückschau hätten wir (bzw. der Führer) daher die Wanderung gut etwas langsamer angehen lassen können.
Ein oder zwei zusätzliche Pausen um die Gegend zu genießen wären sicher nicht verkehrt gewesen.
Bei der Ausbildung der Wanderführer
war das soziale Genusstraining wohl nicht Teil des Lehrplans gewesen. ;-)
Mir hat die Wanderung trotzdem klasse gefallen. Das Gebiet dort ist einfach wunderschön und zu Fuß erlebt man die Gegend
einfach ganz anders, als wenn man mit dem Auto durchfährt. Menacha und dort zu Wandern kann ich jedem Jemenurlauber
nur empfehlen.
Nach der Wanderung ging es dann zurück nach Sanaa. Unsere kurze zweite Rundreise und damit der ganze Jemenurlaub waren
plötzlich schon zu Ende. Es fiel mir schwer zu realisieren, dass wir heute Nacht schon wieder nach Deutschland zurückfliegen
würden. Der Rückweg von Menacha nach Sanaa läuft auf der gut ausgebauten Fernstraße Hudäida-Sanaa so dass wir schon
relativ bald später wieder in Sanaa waren und zum zweiten mal, diesmal endgültig, von Khalid Abschied nahmen.
Von den letzten Stunden in Sanaa und vom Rückflug gibt es nichts spannendes zu berichten. Ich hatte mir ein bisschen Sorge
um mein Gepäck gemacht, sowohl des Gewichts wegen (im Rucksack waren Flaschen mit Sand aus der Wüste und Bir Ali, ein
Haufen Muscheln, Korallen aus Bir Ali und und und) als auch wegen der Korallen aus Bir Ali. Die waren zwar angetrieben
und am Strand aufgesammelt, somit ökologisch bedenkenlos, aber streng genommen war ich mir nicht sicher, ob man sowas
ausführen darf. Das hat die Zöllner aber weder im Jemen noch in Deutschland interessiert. Die Jemeniten konnten
lediglich die Flaschen mit Sand auf dem Röntgenbild nicht identifizieren. Als ich sie aus dem Rucksack fischte haben sie
nur gelacht und mich durchgewinkt.
Es bleibt nur, ein kleines Fazit unseres Urlaubs zu ziehen, was aber gar nicht so einfach ist.
Es gibt ja Menschen, die andauernd extreme Reisen machen: Wandern im Himalaya, mit dem Fahrrad nach China,
trampen quer durch Afrika, was weiß ich. Ich gehöre da eher nicht dazu. Insofern war die Reise
in ein so exotisches Land wie den Jemen für mich schon etwas ganz besonderes. Und sie war einfach nur toll.
Wer ein bisschen Abenteuerlust
mitbringt, ein klein wenig kompromissbereit bezüglich Hygiene und derartigen Dingen ist und insgesamt offen
auch mal ganz andere Kulturen zu erleben, dem kann ich den Jemen nur wärmstens ans Herz legen.
Abgesehen von meiner großen USA-Reise 2005
war die Jemenreise die mit Abstand eindrucksvollste, die ich jemals gemacht habe. Die Fremdartigkeit des Landes
ist einfach nur faszinierend und die Menge an Eindrücken, die in Form von tausend Kleinigkeiten
täglich auf einen
einströmt ist unglaublich. Ich weiß noch, dass wir am Ende unserer ersten Rundreise alle drei regelrecht
übersättigt an zu verarbeitenden Eindrücken waren. Dabei ist es vor allem das Gefühl der Fremdartigkeit,
das Gefühl in einer
anderen Welt in einer anderen Zeit zu reisen, das mich so fasziniert hat.
Landschaftlich gibt es im Jemen auch eindrucksvolle und wunderschöne Ecken, z.B. die Wüste,
die Küste um Bir Ali oder den Bergjemen, aber diesbezüglich gibt es beeindruckendere
und vor allem naturbelassenere Gegenden auf der Welt. Sanaa, Schibam oder z.B. Thulla sind wunderschön,
aber es gibt in Europa unzählige faszinierend schöne Städte und die Tempelanlagen, z.B. von Marib, verblassen
mit Sicherheit verglichen mit antiken Städten in Griechenland oder Ägypten. All diese Dinge sind zwar schön,
aber wegen ihnen braucht man meines Erachtens nicht den Jemen zu bereisen, das kann man anderswo einfacher und
sicherer haben. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man irgendwo anders die Kultur des Orients, Arabia Felix,
so unverfälscht und wunderschön erleben und kennenlernen kann wie im Jemen.
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